Der Westerwald war schon in vorchristlicher Zeit eine Kräuterregion

Viele wurden von der Kirche übernommen und dann als Marienkräuter verehrt

von Uwe Steiniger

Im „Hannes“ habe ich ja schon etliche Geschichten aus uralten Zeiten im Westerwald schreiben dürfen, ob Sigambrer oder alte Räuber-Speisen. Heute sind die Kräuter an der Reihe, die hier seit jeher eine wichtige Rolle einnahmen und selbst nach der Christianisierung, aufgrund Widerstands letztlich von der Kirche als Marienkräuter „umgedeutet“ wurden.

Hier eine Auswahl besonders bekannter Marienkräuter mit vorchristlicher Tradition:

  1. Beifuß (Artemisia vulgaris)

Bei Kelten und Germanen war der Beifuß eine der wichtigsten Schutz- und Ritualpflanzen, quasi die „Mutter aller Kräuter“. Sie diente zur Abwehr böser Geister und wurde bei Sommersonnenwende-Feuern getragen oder verbrannt. Später wurde sie „Mariengürtel“ genannt, den sich die Frauen banden.

  1. Johanniskraut (Hypericum perforatum)

Dieses Kraut wurde von den Sigambrern als „Sonnenkraut“ verehrt, es bot Schutz vor Dämonen und Blitz. Ein typisches Sonnwendkraut, welches über Türen und Ställe gehängt wurde. In christlicher Zeit wurde es zum Marienkraut als Symbol des himmlischen Lichts.

  1. Schafgarbe (Achillea millefolium)

Auch diese Heilpflanze gegen Wunden und Frauenleiden war schon den Germanen bekannt. Zudem hatte sie auch orakelhafte Bedeutung, z. B. in Liebesfragen. Später wurde Schafgarbe als weiteres Marienkraut in den Krautwisch mit aufgenommen.

  1. Kamille (Matricaria chamomilla)

Die Kelten nutzten Kamille gerne als Pflegemittel, die „Seife der Felder“.  Bei den Sigambrern galt sie als eine Pflanze des Sonnengottes Baldur und diente als Heilmittel gegen Entzündungen und Krämpfe. Die Kirche machte sie zu einem Symbol der Demut Mariens.

  1. Königskerze (Verbascum thapsus)

Gerade bei den Kelten war sie als Licht- und Sonnenpflanze heilig. Sie diente in verschiedenen Ritualen als „Fackel“. Sie ist In Mariensträußen als „Kernkraut“ fast immer enthalten.

  1. Wermut (Artemisia absinthium)

Schutzkraut der Sigambrer, das rituell bei Abwehr von Krankheit und Unheil diente. Später wurde Wermut in der Kräuterweihe der Kirche aufgenommen.

  1. Eisenkraut (Verbena officinalis)

Besonders von den Kelten wurde sie  als druidenhafte Zauberpflanze verehrt.  Sie kam dabei beim Opfern, Orakeln sowie Schutzritualen zum Einsatz. In der christlichen Tradition wurde es zu „Herba sacra“ – dem heiligen Kraut der Maria.

Eine der bekanntesten Speisen, die sowohl in heidnisch-germanischer wie auch in christlich-marianischer Tradition überliefert wurde, ist die Neunkräutersuppe. Sie wurde typischerweise im Frühjahr gekocht, um den Körper zu reinigen und die Kräfte der Natur aufzunehmen. Später verband man sie auch mit der Marienverehrung – die „9 heiligen Kräuter“ symbolisierten dabei oft die Vollkommenheit und den Schutz Mariens.

 Rezept für eine Westerwälder Neunkräutersuppe

Diese Suppe galt als heilkräftig, reinigend und stärkend – sie verband die alte Naturreligion (Lebenskraft der grünen Kräuter) mit der späteren Marienverehrung.

  • 1 Bund Beifuß (verdauungsfördernd, Schutzkraut)
  • 1 Bund Schafgarbe (heilend, stärkend)
  • 1 Bund Brennnessel (Blutreinigung, Eisenlieferant)
  • 1 Bund Gundermann (stärkend, fördert Ausleitung)
  • 1 Bund Sauerampfer (erfrischend, vitaminreich)
  • 1 Bund Löwenzahnblätter (stärkt Leber und Galle)
  • 1 Bund Bärlauch (antibakteriell, kräftigend)
  • 1 Bund Spitzwegerich (heilend, ausgleichend)
  • 1 Bund Pimpinelle oder Kresse (erfrischend, stoffwechselanregend)

Tipp: Falls einzelne Kräuter nicht frisch verfügbar sind, kann man ersetzen – Hauptsache es sind 9 verschiedene grüne Kräuter.

  • 2 EL Butter oder Öl
  • 2 Zwiebeln
  • 2 Kartoffeln (gewürfelt, „meine Zutat“ für die Bindung 😊)
  • 1 l Gemüsebrühe
  • 100 ml Sahne
  • Salz, Pfeffer, Muskat

Zwiebeln und Kartoffeln würfeln, in Butter oder Öl anschwitzen.  Mit Brühe aufgießen und rund 20 Minuten köcheln lassen, bis die Kartoffeln weich sind. Die 9 Kräuter waschen, grob hacken und kurz (1–2 Minuten) mitkochen. Anschließend pürieren.

Symbolik:

  1. Beifuß
  2. und Schafgarbe – bereits erklärt
  3. Brennnessel
    • Heidnisch: Pflanze der Kraft, Abwehrzauber gegen Unheil.
    • Christlich: Läuterung, Reinigung von Körper und Seele.
  4. Gundermann
    • Heidnisch: Zauberkraut, schützte vor „Verhexung“.
    • Christlich: „Schlüssel zum Himmel“ – Maria öffnet den Weg.
  5. Sauerampfer
    • Heidnisch: Stärkt das Blut, erfrischt.
    • Christlich: Demut und Bescheidenheit Mariens.
  6. Löwenzahn
    • Heidnisch: Symbol der Sonne, Lebenskraft.
    • Christlich: Auferstehung, unerschütterlicher Glaube.
  7. Bärlauch
    • Heidnisch: Stärkende Frühlingskraft, Wehrhaftigkeit.
    • Christlich: Schutz und Reinigung durch Maria.
  8. Spitzwegerich
    • Heidnisch: Heiler der Kriegerwunden, Wegbegleiter.
    • Christlich: „Wegweiser zur Gottesmutter“.
  9. Pimpinelle (oder Kresse)
    • Heidnisch: Frische Lebenskraft, Jugend und Fruchtbarkeit.
    • Christlich: Neubeginn und ewiges Leben durch Maria.